Systemik in der Medizin


Die Medizin befindet sich in einer Krise - so hört man oft. Meist denkt man dabei an ethische Gesichtspunkte, die vor allem die Frage betreffen, ob man tatsächlich alles machen soll, was man machen kann.

Außerdem befindet sich die Medizin in einer ökonomischen Krise, da es immer schwerer fällt, all das zu bezahlen, was möglich und wünschenswert scheint.

Das Hauptproblem ist aber, so scheint mir, die epistemologische Krise der Medizin. Sie befindet sich in dieser Krise, da Denkwerkzeuge benützt werden, die für die Prinzipien des Lebenden nicht hinreichen. Dieser Mangel liegt weitgehend daran, daß logische und epistemologische Errungenschaften der letzten 100 Jahre nicht in den medizinischen Diskurs integriert wurden. Das führt zu einer Situation, die Bleuler schon vor 70 Jahren als das "autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin" bezeichnete.

Die Konsequenzen diese Zustandes sind erheblich und beeinträchtigen in hohem Maß die Aussagekraft und Validität medizinischer Forschung. Dieser Mangel führt auch dazu, daß es noch nicht einmal ein Verständnis für diesen Zustand gibt. Es gilt von Foersters Ausspruch, daß wir nicht sehen, daß wir nicht sehen.

All dies ist das Thema meiner derzeitigen Dissertation über systemisches Denken in der Medizin an der Universität Kreta mit dem Titel:

Beiträge der System-Theorie zum Verständnis von Therapie und Gesundheit

(Contributions of System-Theory to the Understanding of Therapy and Health)

Dissertation an der Universität Kreta bei N. Paritsis (Heraklion). Betreuende Professoren: V. Tomaras (Athen) und F.B.Simon (Heidelberg).

Im Rahmen dieser Arbeit sind bereits eine Reihe von Veröffentlichungen erschienen.

Dazu gilt: In der wissenschaftlichen Arbeit und gerade bei theoretischen Überlegungen erscheinen oft frühere Texte nicht mehr präzise genug. Man würde das nicht mehr so sagen, oder ganz andere Beweisstrategien verwenden. Minuchin schrieb einmal, daß er oft Schwierigkeiten mit Minuchin habe (1). Dazu kommt noch, daß bei nicht etablierten Autoren und/oder aus dem Rahmen fallenden Themen oft Jahre vergehen, bis Texte publiziert werden, wenn überhaupt. Dann sind bereits ganz anderen Themen im Vordergrund und man findet das Alte nicht mehr ganz so wichtig und spannend. So sollten auch diese Texte verstanden werden. Als einen Schritt in einem Veränderungsprozeß.

Ein erster Artikel, der sich mit den Widersprüchlichkeiten eines linearen Konzeptes auseinander setzte war Die verwirrende Welt des Placebo.

Dieser Artikel erschien gekürzt unter dem Titel Doppelblind bei Naturheilverfahren (Deutschen Ärzteblatt 13/2001: A 822-825) und führte zu einer kontroversen Diskussion.

Eine erste Reaktion war der Artikel Wirksamkeitsprüfung: "Doppelblindstudien" und komplexe Therapien von Schuck P, Müller H, Resch K-L, DÄ (Dt. Ärztebl. 2001: A1942-44, Heft 30)

Er schien mir das eigentliche Problem gar nicht zu erfassen. Mir fehlte zu jenem Zeitpunkt jedoch das theoretische Rüstzeug, dies genauer zu präzisieren.

Die eigentliche Diskussion zum Artikel fand dann im Deutschen Ärzteblatt 36/2001 (A 2251-2255) unter Themen der Zeit statt. Die dort publizierten Beiträge waren Paralogische Schelmerei, Rabulistik, Mangelhafte Argumentation, Kausalitätskriterien für Schul- wie Alternativmedizin, Fortschritt der Medizin bleibt unbeachtet, Glückwunsch.

Da nicht alle Leserbriefe veröffentlicht werden konnten und nur gekürzt, habe ich von den meisten Autoren die Erlaubnis bekommen, sie hier vollständig abzudrucken. Ich möchte den Kollegen an dieser Stelle dafür danken.

Meine abschließende Stellungnahme im DÄ würde ich aus heutiger Sicht auch anders formulieren

Da mir, wie so oft, der Platz nicht reichte, publizierte ich im Internet einen zusätzlichen Absatz mit dem Titel Ethische Probleme eines Doppelblindversuches bei naturheilkundlichen Verfahren

Daraus entstand der ausführliche Artikel Das Paradigma der Naturheilkunde Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren 9/2001: 650-659

Ein großes Problem in der wissenschaftlichen Medizin ist die Beweisführung und der Wirksamkeitsnachweis. Zwar befinden wir uns derzeit unter dem Diktat der evidenzbasierten Medizin. Dieses ist jedoch bei genauer Analyse auf einer Evidenz ohne Basis (als pdf Datei) aufgebaut.

Ergänzend dazu der Vortrag Problematik der evidenzbasierten Medizin bei Naturheilverfahren gehalten auf dem 2. Europäischen Symposion der ANME in Frankfurt am 11.11.2006.

Dasselbe Thema behandelt der Artikel Der Sunamitismus oder die Problematik der naturwissenschaftlichen Medizin. Er wurde, vielleicht wegen seiner scheinbar humoristischen Note, nie publiziert.

Einen ersten Eindruck wie systemisches Denken und Medizin zusammenkommen gibt Systemische Psychotherapie für Homöopathen dessen englische Version in den Homeopathic Links 3/2002 veröffentlicht wurde.

Etwas ausgefeilter ist Towards a Systemic Medicine - Combining Old Observations with Modern Concepts, ein Vortrag auf der Konferenz der Intern. Society for the Systems Science (ISSS) 2003. Die deutsche, etwas weiterentwickelte Version ist: Vorstudien zu einer Theorie der systemischen Medizin. (pdf.Datei).

In dieselbe Richtung geht Hippokrates, empirische Medizin und moderne Forschung (pdf.Datei). Dieser Artikel zeigt, daß sich die empirische Medizin keinesfalls vor der sogenannten wissenschaftlichen Medizin verstecken muß, sondern ihr sehr of überlegen ist.

Dies haben Haik Petrossian und ich an einer Fallstudie eines psychotischen Patienten aufzuzeigen versucht. Der Artikel Vom Wahn, eine Psychose zu verstehen (PDF-Datei) weist darauf hin, daß unsere Theorien wesentlich den Verlauf einer Erkrankung bestimmen können.

Der Mangel an epistemologischen Rüstzeug zeigt sich vor allem bei den übermäßig 'biologisch' orientierten Ansätzen in der Medizin, beispielsweise in der genetischen Forschung. Die Übertragung dieser Ergebnisse auf komplexe menschliche Verhaltensweisen ist aufgrund methodischer Schwächen nur sehr eingeschränkt möglich. Dies ist das Thema des Artikels Trivial and non-trivial machines in the animal and in man.


Ein weiteres großes Problem der heutigen reduktionistischen Medizin ist es, daß sie sich schwer tut mit komplexen Prozessen. Dies wird dargestellt am Beispiel der helmintho-bakterio-virale Flora, Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren 47; 8: 537-542 (pdf-Datei).

Fußnote

(1) "I will need to confess that I have a conflictual relationship with Minuchin, because he frequently makes my ideas public before I have finished exploring all the ramifications. Another thing he does that has created difficulty between us is that he insists on maintaining ideas and concepts in print even I have moved on to other ideas." in: Minuchin, S: Retelling, Reimaging, and Re-Searching a Continuing Conversation. Journal of Martial and Family Therapy 1/1999: 9-14

Home Veröffentlichungen Medizin Texte Werkstatt Literatur Person Kontakt